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Filmemacher und Filmpolitiker

Filmemacher und Filmpolitiker

Thomas Frickel - seit 50 Jahren mit der Kamera unterwegs

Von Claudia Prinz

Thomas Frickels Filmkarriere begann bereits im Alter von 14 Jahren, als er das Geld, das er zur Konfirmation geschenkt bekam, in Filmmaterial investierte. Unter Freunden entstanden erste Kriminalfilmpersiflagen in Super 8, die mit Livekommentar und Musik vom Band öffentlich aufgeführt wurden.

Noch während der Schulzeit in Rüsselsheim erfolgte der Umstieg hin zum wesentlich teureren 16mm-Film. Zusammen mit einer Gruppe ambitionierter Schüler sammelte die „Arbeitsgemeinschaft HE-Film“ Altpapier und verkaufte auf dem Jahrmarkt selbstgebastelte Steinmännchen, um die nächsten Filme zu finanzieren. Eine Bolex H16 konnte bei der Kreisbildstelle ausgeliehen werden, Filmleuchten stellte ein Lehrer zur Verfügung. Einer der ersten 16mm-Filme, „Film Nr. 3“, lief nicht nur in Oberhausen, sondern auch beim „Internationalen Jugendfilmfest“ in Mannheim, wo er zum „außergewöhnlichsten Film“ avancierte.

Nach Abitur und Zivildienst begann Frickel Germanistik zu studieren. Und wie üblich zu dieser Zeit und in dieser Gegend war auch er bei den Demonatrationen gegen die Startbahn West dabei. Dadurch erhielt sein Schaffen 1979/80 einen großen Schub in Richtung Dokumentarfilm. Gemeinsam mit Wolfgang Schneider und Gunter Oehme drehte er zur Unterstützung der Bürgerinitiative gegen die Flughafenerweiterung drei zum Teil sehr kämpferische Kurzfilme von je 25 Minuten. Die 16mm-Kopien wurden auf Veranstaltungen zur Startbahn West in ganz Deutschland gezeigt und standen sogar in den Regalen einiger Goethe-Institute im Ausland.

Sein nächstes Projekt ging allerdings in eine ganz andere Richtung. „Saitenwind“ begleitete eine Rüsselsheimer Musikgruppe, in der eine Contergan-behinderte Sängerin als Frontfrau auftrat. Dieser Film bekam eine Empfehlung für die Bildungsarbeit, und Frickel konnte davon über 50 Kopien an diverse Bildstellen verkaufen.

Als Mike Smeaton von der Frankfurter Filmwerkstatt die Idee hatte, ein großes Popkonzert in der Frankfurter Festhalle als Rahmen für einen Kinofilm über die Bürgerbewegung Startbahn West zu nutzen, gehörte Thomas Frickel zum Team. Über 120.000 Menschen demonstrierten im November 1981 gegen gegen die Startbahn-Pläne, ein Volksbegehren sammelte 220.000 Unterschriften. Schließlich war es die „Initiative Volksbegehren“, die auf die Filmidee aufmerksam wurde und sie finanzierte. Gemeinsam schufen Thomas Frickel, Wolfgang Schneider, Gunter Oehme, Regine Heuser, Rolf Silber und Mike Smeaton in Rekordzeit den Film „Keine Startbahn West – eine Region wehrt sich“, der im Februar 1982 im Forum der Berlinale lief. „Das war ein straighter, agitatorischer, aber auch witziger Film, der auch im Kino sehr erfolgreich war. Denn wir hatten in der 16mm–Auswertung bundesweit gut und gerne 80.000 Zuschauer, was eine Menge war“, erinnert sich Frickel.

Die Referenzmittel wurden geteilt. Mit dem Anteil, der auf die HE-Film entfiel, konnte Frickel den Dreh zu seinem ersten eigenen Kino-Dokumentarfilm „Schlachtenbummel“ sicherstellen: eine Recherche, angelehnt an das Kriegstagebuch seines Großvaters, der Kompaniefeldwebel eines Regiments im Ersten Weltkrieg gewesen war. Der Aufwand war gewaltig, Finanzierungsschwierigkeiten stellten sich ein. Frickel, parallel als Journalist unterwegs, steckte jede Mark, die er entbehren konnte, in den Film, dessen Fertigstellung schließlich zehn 10 Jahre in Anspruch nahm.

Mit "Schlachtenbummel" aber war Frickel 1989 wieder im Forum der Berlinale vertreten, doch sein Filmtagebuch hatte schon allein von seiner Länge her - 156 Minuten in der Erstfassung - manchen Zuschauer überfordert. Frickel erkannte, "wie schwierig es ist, wenn man sich nicht beschränken kann. Ich habe deutlich gemerkt, an welchen Stellen das Publikum unaufmerksam geworden ist und einfach diese Länge nicht verkraftet hat. Seitdem ist es mir nicht mehr passiert, dass die Filme zu lang wurden.“ Es war reine Glücksache, dass er „Schlachtenbummel“ an den NDR verkaufen und damit refinanzieren konnte.

Dann kam die Wendzeit. Über einen Freund aus der Ex-DDR erfuhr er von zwei Themen, die er unmittelbar aufgriff. Das eine war die Geschichte eines Landkino-Vorführers, der mit seinem Moped namens Schwalbe über Land fuhr und in seinem Anhänger Filmkopien transportierte. Mit einem mobilen TK 35 Projektor zeigte er seine Filme in Jugendclubs und Ferienheimen. „Der Kinomann“ wurde ein Porträt voller Nostalgie und Abschiedsstimmung, denn es war klar, dass dieser Art der Filmvorführung keine Zukunft beschieden war. Er erhielt ein Prädikat und eine Nominierung für den Deutschen Kurzfilmpreis sowie eine Referenzförderung.

Gleichzeitig mit dem „Kinomann“ entstand als weiteres DDR-Thema „Der Störenfried“, ein Film über Pastor Oskar Brüsewitz, der sich 1976 aus Protest mit Benzin übergossen und selbst verbrannt hatte. Für diesen Film erhielt Frickel viel Anerkennung und eine mit 400.000 Mark dotierte Filmpreisnominierung.

Das versetze ihn in die Lage, sein nächstes großes Filmprojekt anzugehen: In „Deckname Dennis“ wird ein Agent vom Amerikanischen Geheimdienst nach Deutschland geschickt, um 50 Jahre nach Kriegsende die Befindlichkeiten der Deutschen zu erkunden. Am Plot und an den sarkastischen Kommentaren wirkte seinerzeit der bekannte Frankfurter Kabarettist Matthias Beltz mit. „Deckname Dennis“ kam im Eigenverleih in die Kinos und hatte mehr als 30.000 Besucher. Da Frickel den Film vollständig selbst gedreht, produziert und verliehen hat, war die Satire alles in allem auch wirtschaftlich ein Erfolg.

trotzdem dauerte es wieder fünf Jahre, bis Frickel in Zusammenarbeit mit dem ZDF und gefördert von diversen Filmförderungen den Film „Goethe Light“ als „Beitrag zur deutschen Light Kultur“ in Szene setzen konnte: Im Goethe-Jahr 1999 greift ein hessisches Paar bei seiner Fahrt durchs deutsch-tschechische Grenzgebiet einen Asylsuchenden auf, der erstaunliche Ähnlichkeit mit dem gefeierten Poeten aufweist. Eine Geschäftsidee war geboren: der bulgarische Aussiedler wurde als Goethe-Double an Volksfeste, Vernissagen oder Politikerempfänge vermietet. Da machte es wenig, daß der geliehene Dichterfürst kein Deutsch sprach. Ein durchaus ironischer Seitenhieb auf die allgemeine Tendenz der kulturellen Verflachung.

Frickels nunmehr letzter Film greift eine Katastrophe auf, an die sich mancher in der lokalen Filmszene noch erinnern wird: am 22. Dezember 1991 kollidierte das historische Propellerflugzeug DC-3A bei schlechter Sicht mit dem Berg Hoher Nistler im Odenwald. An Bord samt Filmteam der Regisseur Martin Kirchberger beim Dreh zu "Bunkerlow" – einer Satire über Kaffeefahrten für Superreiche. Bis auf wenige Passagiere kommen alle Insassen ums Leben. Frickel, ein Freund Kirchbergers, widmet nun 25 Jahre danach seinen Dokumentarfilm "Wunder der Wirklichkeit" der Künstlergruppe "Cinema Concetta" um Kirchberger und porträtiert deren Schaffen mit Film- und Tondokumenten sowie Interviews. Prämiert wurde das Erinnerunsgstück 2017 mit dem Hessischen Dokumentarfilmpreis.

Doch Frickel ist nicht nur Beobacher und Zeitzeuge mittels Kamera, er engagiert sich auch als vehementer Intressenvreteter der Dokumentarfilmer. Seit 1986 ist er Geschäftsführer der AG DOK (Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm). Zu den Erfolgen unter seiner Führung nennt er beispielsweise, daß die AG DOK in den Verwaltungsrat der Filmförderungsanstalt aufgenommen wurde, und daß Mittel zur Verfügung stehen, um den Auslandsvertrieb deutscher Dokumentarfilme über German Films organisieren zu können. "Wir haben es darüber hianus geschafft, beim Deutschen Filmpreis nicht nur einen Dokumentarfilmpreis zu bekommen, sondern auch dotierte Nominierungen, und vieles mehr an Weichenstellungen." Was Wunder also daß Thomas Frickel jüngst in seinem Amt für weitere zwei Jahre bestätigt worden ist.

Filmografie Thomas Frickel (Auswahl):

Wunder der Wirklichkeit
Regie, Drehbuch, Kamera, 2015 – 2017, 101 Min., Farbe / Hessischer Filmpreis Bester Dokumentarfilm

Die Mondverschwörung
Regie, Drehbuch, Kamera, Schnitt, Produzent, 2010, 88 Min. 35mm, Farbe

Goethe Light
Regie, Drehbuch, Kamera, Schnitt, Produzent, 1999-2002, 92 Min. 16mm, Farbe

Deckname Dennis
Regie, Drehbuch, Kamera, Schnitt, Produzent, 1996/1997, 101 Min., 35mm, Farbe

Der Störenfried.
Regie, Drehbuch, Kamera, Schnitt, Produzent, 1992, 98 Min., 16mm, Farbe

Der Kinomann
Regie, Drehbuch, Kamera, Schnitt, Produzent, 1990, 14 Min., 35mm, Farbe

Schlachtenbummel
Regie, 1988/1989, 152 Min., 16mm, Farbe

Saitenwind – Ein Traum vom Leben
Regie, Drehbuch, Kamera, Schnitt, Produzent,1986, 19 Min., 16mm, Farbe

Keine Startbahn West - Eine Region wehrt sich
Regie (mit Regine Heuser, Gunter Oehme, Wolfgang Schneider, Rolf Silber, Michael Smeaton) 1982, 125 Min, 16mm, s/w und Farbe

Kein Cover vorhanden