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Manchmal fehlt der Mut für Randständiges

Manchmal fehlt der Mut für Randständiges

Der Kinder-und Jugendfilm erlebt eine wirtschaftliche Blüte / Bekannte Kinderbuchvorlagen und Sequels dominieren das Geschäft

Von Reinhard Kleber

Die Zeiten, in denen die deutsche Filmbranche eher mitleidig auf einheimische Filmemacher schaute, die sich mit Kinder- und Jugendfilmen abgeben mussten, sind lange vorbei. Denn seit etlichen Jahren erfreuen sich nationale Kinder- und Jugendfilme beim deutschen Kinopublikum großer Beliebtheit. In die Liste der 100 besucherstärksten deutschen Filme der letzten 15 Jahre schafften es laut Filmförderungsanstalt 26 Produktionen des Kinder- und Jugendgenres. Die meisten Zuschauer zog in diesem Zeitraum der Abenteuerfilm "Wickie und die starken Männer" (2009) mit 4,9 Millionen Besuchern an.

Das Genre gehört inzwischen zu den tragenden Säulen des deutschen Kinofilms. 2015 erzielte es einen Besuchermarktanteil von neun Prozent und lag damit gleichauf mit Action/Abenteuer und Drama auf dem zweiten Platz nach der Komödie mit 68 Prozent. 2016 betrug der Marktanteil 14 Prozent, was den dritten Rang nach Komödie (34 Prozent) und Drama (28 Prozent) bedeutet.

Die starke Stellung des deutschen Kinderkinos hält auch aktuell an. 2017 lockte "Bibi & Tina – Tohuwabohu total" fast 1,7 Millionen Besucher in die hiesigen Kinos und stieg auf Platz 3. Wenn man den Pferdemädchenfilm "Ostwind – Aufbruch nach Ora" dazuzählt, gelangten sieben Kinderfilme in die nationalen Top 20.

Dabei aber ist das deutsche Kinderkino seit vielen Jahren weitgehend von Adaptionen bekannter Vorlagen dominiert. Das ist leicht nachvollziehbar, gehen doch Filmproduzenten und –förderer sowie die fast überall beteiligten TV-Sender am liebsten auf Nummer sicher und lassen lieber zum x-ten Mal "Heidi" oder "Das doppelte Lottchen" verfilmen, als Drehbücher ohne bekannte Marke aufzugreifen. "Originäre, neue Stoffe gibt es zwar, sie haben es aber schwerer, weil sie eben nicht so leicht zu finanzieren sind", konstatiert die Leiterin des Kindermedienfestivals "Goldener Spatz" in Erfurt, Nicola Jones.

Kein Wunder, wenn der Besuchermagnet Kinderfilm in letzter Zeit verstärkt auch prominente Regisseure auf den Plan ruft, die sonst nur oder fast nur Filme für Erwachsene drehen, wie zuletzt etwa Adolf Winkelmann ("Junges Licht"), Fatih Akin ("Tschick"), Ralf Huettner ("Burg Schreckenstein"), Johannes Naber ("Das kalte Herz"), Andreas Dresen ("Tim Thaler"), Detlev Buck ("Bibi & Tina – Tohuwabohu Total") oder auch Katja von Garnier ("Ostwind – Aufbruch nach Ora"). Aktuell kommt noch "Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer" von Dennis Gansel hinzu, der teuerste deutsche Kinderfilm aller Zeiten (25 Millionen Euro). Auch diese Filme beruhen durchweg auf bekannten literarischen Vorlagen.

Analog zu Hollywood hat die Fixierung der Entscheider auf Erfolgsmarken auch hierzulande zu chronischer "Sequelitis" geführt. Schaut man in jüngere Startlisten, findet man recht viele Fortsetzungen: "Conni & Co 2", "Burg Schreckenstein 2", "Ritter Rost 2", "Ostwind 3", "Hanni & Nanni – Mehr als beste Freunde" und die vierte Folge des "Bibi & Tina"-Franchise.

Dagegen bleiben Filme nach Originalstoffen in der Unterzahl. Jahrelang beklagten Medienpädagogen und Filmexperten die Schlagseite der Kinderfilmproduktion. Sie bemängelten, dass Bestsellerverfilmungen und TV-Märchenfilme, die vorrangig Umsatz und Einschaltquoten im Auge haben, die Lebenswirklichkeit von rund zehn Millionen Kindern und Jugendlichen hierzulande nicht abbilden. Es drohe eine Verengung des Angebots und eine Verarmung der kulturellen Bildung der Heranwachsenden.

Die beharrliche Kritik an dem Manko zeigte 2013 Wirkung. Damals gründete ein Bündnis von öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern, Filmförderungen, Produzenten- und Branchenvertretern die Initiative "Der besondere Kinderfilm". Ziel war es, dem Kinderfilm in Deutschland mit originären Stoffen und Gegenwartsgeschichten zu größerer Vielfalt zu verhelfen. Dank systematischer und kontinuierlicher Fördermaßnahmen sind in dieser Schiene inzwischen einige beachtliche Werke entstanden, als fünften Film der Reihe drehte Marcus H. Rosenmüller im Februar "Unheimlich perfekte Freunde" ab.

Paradebeispiel für einen "besonderen Kinderfilm" ist "Auf Augenhöhe" über einen zehnjährigen Heimjungen, der entdeckt, dass er einen kleinwüchsigen Vater hat. Die erste lange Regiearbeit von Evi Goldbrunner und Joachim Dollhopf wurde von Christian Becker und Martin Richter von der Produktionsfirma Ratpack produziert. Für Becker, der mit den beiden "Wickie"-Filmen und den drei Sequels "Die Vorstadtkrokodile" zu den fleißigsten Family Entertainment-Produzenten gehört, ist es wichtig, "neben Mainstream-Produktionen auch solche relevanten Themen wie in 'Auf Augenhöhe' anzupacken". Ohne die Initiative "Der besondere Kinderfilm" hätte es diesen Titel nicht gegeben, sagt er. "Auf Augenhöhe" hat inzwischen auf Festivals im In- und Ausland 40 Preise gewonnen, darunter 2017 den Deutschen Filmpreis in der Kategorie Bester Kinderfilm.

Inzwischen haben die 25 Träger der Initiative in einigen Punkten feinjustiert: 2015 wurden Animationsprojekte zugelassen, seit 2016 gibt es eine zusätzliche Förderstufe, um den Produzenten mehr Zeit zur Entwicklung der Stoffe zu geben.

Wichtige Impulse setzte in diesem Zusammenhang auch die Novelle des Filmförderungsgesetzes, die 2014 in Kraft trat. Sie sieht erstmals bei der Projektförderung vor, dass "in angemessenem Umfang Kinderfilmprojekte, die auf Originalstoffen beruhen", gefördert werden sollen.

Spezielle Kinderfilmförderschienen existieren darüber hinaus schon lange bei der Bundeskulturbeauftragten (BKM, seit 1979) und beim Kuratorium junger deutscher Film (seit 1998). Seit 2015 entscheiden beide über Förderanträge in einem gemeinsamen Gremium. Während das Kuratorium Treatment-, Drehbuch- und Projektentwicklungsförderung jährlich mit 250.000 Euro unterstützt, finanziert das BKM die Produktionsförderung mit fast zwei Millionen Euro.

Darüber hinaus gibt es jenseits der etablierten Förderstrukturen auch immer wieder Einzelinitiativen begeisterter Filmschaffender, die mit viel Herzblut und wenig Geld freche Stoffe und widerständige Ideen umsetzen. So realisierte Axel Ranisch "Reuber", Norbert Lechner "Tom und Hacke", Veit Helmer "Quatsch und die Nasenbärbande" und Joya Thome jüngst "Königin von Niendorf".

Thomes charmantes Langfilmdebüt war der erste Kinderfilm seit vielen Jahren, der 2017 den Sprung in den Spielfilmwettbewerb des Filmfestivals Max Ophüls Preis geschafft hat. Die Tochter des Indie-Regiestars Rudolf Thome erzählt von der zehnjährigen Lea, die unbedingt zu einer Jungsbande gehören will und dies nach zwei Mutproben auch schafft. Der Film entstand ohne Förderung oder Sender mit einem Mikrobudget von 17.000 Euro, dafür aber unübersehbar mit viel Passion der Beteiligten. Die geradlinige kindgerechte Inszenierung punktet nicht nur mit einer sehr natürlichen Heldin (Lisa Moell), sondern vor allem mit stimmigen Erwachsenenfiguren. Rochus Wolf, der engagierte Betreiber von kinderfilmblog.de, lobte das Debüt als "den schönsten, besten deutschen Kinderfilm seit langem".

Gerade solche eigenwilligen Independent-Produktionen zeigen umso mehr, dass es den Fördergremien und TV-Redaktionen noch immer an Mut zu mehr innovativen Ansätzen und Stoffen jenseits der Standardware mangelt.

Dass die Kinder- und Jugendfilmszene gleichwohl heute so quicklebendig ist, verdankt sie nicht nur Kinderkino-Aktivisten wie Hans und Christel Strobel und engagierten Institutionen wie dem Bundesverband Jugend und Film und dem Förderverein Deutscher Kinderfilm, die seit den 1970er Jahren dem Kinderkino neuen Schwung verliehen haben. Sondern auch einer aufblühenden Festivallandschaft, für die 1975 der Frankfurter Lucas, das älteste Kinder- und Jugendfilmfestival der Bundesrepublik, den Anstoß gab. Heute bieten die Berlinale-Sektion Generation, der "Goldene Spatz" in Erfurt/Gera, der "Schlingel" in Chemnitz und das Kinderkino der Kurzfilmtage Oberhausen und etliche andere Festivals immer wieder Kinderfilmperlen auch jenseits des Mainstreams.

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